Sarah Khatun

Osmanische Miniaturmalerei. Bibliothèque Nationale, Paris (Inv. Od. 6 (4), pl. IV)


Die gemalten Gesichter, die Edelsteine, die Mäntel aus leuchtender gefärbter Seide, der Federschmuck im dunklen Haar - das alles gehörte nicht zu Huren, gekauften Sklavinnen oder Emirstöchtern, die als Tribut gegeben worden waren. Wer auch immer diese Frauen waren, sie dienten einer hohen Persönlichkeit. Ihre Bewegungen waren anmutig und ruhig: da schob eine an einem niedrigen Gittertisch eine Figur über ein Spielbrett; dort streichelte eine andere einen Gerfalken; eine dritte goß pastellfarbene Flüssigkeit aus einer Flasche mit langem schlanken Hals ; eine vierte berührte prüfend ein Gemälde. Sein Erscheinen gab zu nicht mehr als einer ruhigen Kopfdrehung Anlaß. In der Mitte allein war eine Frau, nicht mehr jung. Er hatte sie nie zuvor gesehen. Er brauchte eine ganz Weile um mit seiner Überraschung fertig zu werden; sich neu zu orientieren. Dann ging er langsam auf sie zu.
Unter einem Baldachin, der von vier schlanken goldenen Säulen getragen wurde, thronte sie im vielfach gespiegelten Licht auf einem von einem Gitter eingeschlossenen Podium, mit glänzenden blauen und weißen Porzellankacheln und Polstern aus Samt. Die kleine Pforte zum Podium war geschlossen; sie war unerreichbar. Hinter ihr hing im Schein eines zehnarmigen Leuchters ein Seidenteppich, hoch wie ein Zelt und mit einer Landschaft aus Blumen und Vögeln bemalt. So saß sie unter Weiden und Zypressen, inmitten von Veilchen und Päonien, Rosen und Malven, umgeben von Pfauen, Wiedehopfen und Tauben. Sie war zwischen sechzig und siebzig, immer noch schön dank Kunst und Kunstfertigkeit. Das Gesicht hatte sich sein Oval bewahrt, ...

Dorothy Dunnett: Frühling des Widders, Kapitel 27, S. 458, Klett-Cotta, Stuttgart 2006

Sara Khatun, die Mutter Uzun Hasans, stammte aus Syrien. Am Hof Mehmets II. handelte sie als Vermittlerin im Konflikt der Osmanen mit den turkmenischen Stämmen in Persien und Kleinasien zwischen dem Sultan und ihrem Sohn Uzun Hasan einen Friedensvertrag aus. Als Christin versuchte sie Mehmet vom Angriff auf das byzantinische Restreich in Trapezunt abzuhalten, allerdings gelang es ihr nicht.
Sarah Khatuns Einfluß, ihre politische Klugheit und ihr eigenständiges Handeln machten sie zu einer der einflußreichsten und herausragendsten Persönlichkeiten ihrer Zeit.
Von Sarah Khatun gibt es kein Bild, ich habe daher eine Miniatur gewählt, die Frauen in einem Harem zeigt.

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